Mit welchen Kosten ist beim Sprachenlernen zu rechnen?

Meine Artikelserie „Zahlen und Fakten zum Sprachenlernen“ beschäftigt sich mit Fragen rund um das Lernen von Fremdsprachen:

  1. Was sagt „verhandlungssichere“ Sprachkompetenz wirklich aus?
  2. Wie kann man sprachliche Kompetenz messen?
  3. Wie lange braucht man um eine neue Sprache zu meistern?
  4. Wie lernt man eine Fremdsprache am besten? Was klappt? Und was ist Hokuspokus?
  5. Was sind die realistischen Kosten?
  6. Bilanz

Mithilfe aktueller Ergebnisse aus Studien und Forschung, sowie meinen persönlichen Erfahrungen aus über 21 Jahren Führung der „Englisch nach Maß GmbH“ möchte ich diese Themen veranschaulichen, Fragen beantworten und eine sachliche Erwartungshaltung für das Lernen von Fremdsprachen schaffen.

Mit welchen Kosten ist zu rechnen?

„Von nix kütt nix (von nichts kommt nichts)“ – rheinisches Sprichwort.

Beim Lesen dieser Werbeversprechen

  • „Lerne kostenlos Englisch, Deutsch und andere Sprachen“
  • „Mühelos Sprachen Lernen – Blitzschnell, zum kleinen Preis“
  • „Günstig Fremdsprachen lernen“
  • „Englisch lernen – online, kostenlos und kinderleicht“
  • „Online Sprachen lernen kostenlos, mit echten Profis“
  • „Günstig Englisch lernen in England, Malta und den USA“

stellen sich folgende Fragen:

  1. Warum sollte sich eine gut ausgebildete Lehrkraft, ein Profi, so billig verkaufen, um dadurch ein kostenloses bzw. billiges („preiswertes, günstiges“) Lernen überhaupt zu ermöglichen?
  2. Erstklassige Computersoftware bedeutet beträchtliche Entwicklungskosten. Wie kann daher ein Sprach-Lern-Hochleistungsprogramm „kostenlos“ bzw. „zum kleinen Preis“ erhältlich sein?
  3. Wie kann eine Sprachreise, inklusive Unterricht, Verpflegung, Unterkunft und Freizeitaktivitäten, weniger kosten als ein Pauschalurlaub im Economy-Bereich?

Es klappt durch Täuschung (der Käufer) und Ausbeutung (der Lehrkräfte)!

Gerade bei Online-Englischtraining werden Lehrkräfte regelrecht ausgebeutet. Die Ortsunabhängigkeit des Internets erlaubt den Einsatz von Englischtrainern aus dem Ausland.

  • Diese Lehrkräfte sind nicht zwingend als Englischtrainer ausgebildet.
  • Diese „Dozenten“ stammen aus Afrika, Asien, Russland, oder aus dem europäischen Ausland.
  • Für eine Beschäftigung als Online-Englischlehrer sind dort Honorare von 1, 2 oder 4 Euro pro Stunde nicht unbekannt.
  • Diese Kräfte arbeiten oft in Schichten von 12 Stunden oder länger.
  • Ein gängiges Modell bei „on Demand“ Anbietern, bei denen Englischtraining 24/7 beliebig abrufbar ist.
  • Vergütet wird außerdem hier nur die reine Trainingszeit, die Wartezeit der Lehrkräfte wird selten bezahlt.

Bei Sprachreisen ist ein genauer Blick auf gängige Werbung ebenso ein echter Augenöffner.

Angebote für eine Person, Aufenthalt eine Woche (So-Sa), ohne Flug, Herbst 2018, Nebensaison:

Billig Sprachreisen:

Malta:

  • Gruppen-Englischunterricht (halber Tag (entweder Vor- oder Nachmittag), 20 x 45 Minuten gesamt/Woche)
  • Gruppengröße: 15 Teilnehmende (TN), Alter: 18-68 Jahre, gemischt
  • Unterkunft: Geteiltes Doppelzimmer (mit anderem TN) in Gastfamilie, geteiltes Bad, Frühstück
  • Freizeitangebote
  • 355 Euro

Brighton:

  • Gruppen-Englischunterricht (halber Tag (entweder Vor- oder Nachmittag), 20 x 50 Minuten gesamt/Woche)
  • Gruppengröße: 15 Teilnehmende (TN), Alter: 16-60 Jahre, gemischt
  • Unterkunft: Geteiltes Doppelzimmer (mit anderem TN) in Gastfamilie, geteiltes Bad, Frühstück
  • Freizeitangebote
  • 319 Euro

Im Vergleich:

Reise nach

  • Sliema (Malta): 2* Hotel am Hafen, Frühstück, 535 Euro.
  • Brighton: 2* Hotel im Zentrum, Frühstück, 543 Euro.

Bei solchen Angeboten ist die Erwartung eines jeglichen Lernerfolges doch utopisch! Als „Sahnehäubchen“ obendrauf kommt dann noch das Unwohlsein, das damit einhergeht, wenn man sein Schlafzimmer mit einem Fremden teilen soll.

In Deutschland tummelt sich allerdings auch eine große Anzahl von als Sprachtrainer getarnten „Hilfsarbeitern“. Mit dieser Bezeichnung meine ich schlecht bzw. überhaupt nicht ausgebildete „Sprachdozenten“ (z.B. Studenten (Stichwort: Work and Travel), „nur“ Muttersprachler ohne irgendeine Ausbildung oder Kompetenz als Sprachtrainer o.ä.). Anders als qualifizierte Lehrkräfte arbeiten „Aushilfen“ erfahrungsgemäß im Niedriglohnsektor. Ohne geeignete Qualifikationen bleibt ihnen gar keine andere Möglichkeit.

Diese „Hilfsarbeiter“ machen Preise von 40 oder sogar 30 Euro pro Stunde für Sprachtraining erst möglich. Natürlich ist damit die Erwartung von Kunden, bei dieser Art von Preisgestaltung ein fachgerechtes, angemessenes Sprachtraining zu bekommen, keinesfalls realistisch.

Die Vorstellung, dass kompetentes Sprachtraining zu Honoraren machbar sein soll, bei denen Sprachtrainer gezwungenermaßen für den gesetzlichen Mindestlohn arbeiten, ist unlogisch! Die Erwartung, dass solche „Dozenten“ vernünftig ausgebildet sind und über die erforderlichen Kompetenzen verfügen, entbehrt jeder Vernunft.

Billige bzw. „preiswerte“ Angebote dieser Art führen niemanden zum Ziel. „Günstig/billig“ und „einfach/leicht“ sind stehen nämlich im absoluten Gegensatz zu „fachkundig“ und „effektiv“.

Im nächsten Artikel: Folgen der Wunderheiler-Mentalität

Quellen:

http://linguistlist.org/ask-ling/lang-acq.cfm, Pecchi, Jean Stillwell. 1994.
Child Language. London: Routedge, Bongaerts, T. (2005).
Introduction: Ultimate attainment and the critical period hypothesis for second language acquisition. International Review of Applied Linguistics in Language Teaching, pushtolearn.com, Eaton, S. E. (2012).
How will Alberta’s second language students ever achieve proficiency? ACTFL Proficiency Guidelines, the CEFR and the “10,000-hour rule” in relation to the Alberta K-12 language-learning context. Notos, 12(2), 2-12, www.state.gov/m/fsi/sls/c78549

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