Wie erlerne ich eine neue Sprache am besten?

Meine Artikelserie „Zahlen und Fakten zum Sprachenlernen“ beschäftigt sich mit Fragen rund um das Lernen von Fremdsprachen:

  1. Was sagt „verhandlungssichere“ Sprachkompetenz wirklich aus?
  2. Wie kann man sprachliche Kompetenz messen?
  3. Wie lange braucht man um eine neue Sprache zu meistern?
  4. Wie lernt man eine Fremdsprache am besten? Was klappt? Und was ist Hokuspokus?
  5. Was sind die realistischen Kosten?
  6. Bilanz

Mithilfe aktueller Ergebnisse aus Studien und Forschung, sowie meinen persönlichen Erfahrungen aus über 21 Jahren Führung der „Englisch nach Maß GmbH“ möchte ich diese Themen veranschaulichen, Fragen beantworten und eine sachliche Erwartungshaltung für das Lernen von Fremdsprachen schaffen.

Wie erlerne ich eine neue Sprache am besten? Welche Lern- und Lehrmethoden gelingen?

Hier ist ein Rückblick auf erste Sprach- und Sprechversuche bei Kindern sehr aufschlussreich. Kinder lernen das Sprechen an sich durch Nachahmung ihres sprachlichen Umfeldes. Das ist auch der Grund warum Kinder den Dialekt ihrer Umgebung sprechen. Kinder erfassen Sprache durch ihr Umfeld, durch Ausprobieren und, sehr wichtig, durch Fehler. Von größter Wichtigkeit in dieser sprachlichen Entwicklung ist das Sprechen selbst. Je mehr ein Kind tatsächlich spricht, desto schneller, gewandter und besser wird dieses Kind seine Muttersprache(n) beherrschen.

Diese Erkenntnis hat maßgebliche Auswirkungen auf den eigentlichen Lernprozess. Menschen lernen eine neue Sprache am schnellsten und am sichersten, indem Sie die natürlichen Prozesse des menschlichen Gehirns unterstützen und die neue Sprache möglichst aktiv anwenden, nämlich viel sprechen.

Was bedeutet das mit Hinblick auf Lehrmethodik/Didaktik und Lernprozesse?

Generell belegen die verfügbaren Forschungsergebnisse, dass aktive Lern- und Lehrmethoden mit Abstand die besten Resultate erbringen.

  1. Aktive Methodik beinhaltet jede Menge kommunikative Interaktion mit anderen Menschen. Diese Interaktion muss methodisch durchdacht sein und zielgerecht gesteuert werden, um Kompetenzen zu fördern und Schwachpunkte auszugleichen. Unerlässlich in diesem Prozess sind kleine Lerngruppen auf einem sprachlich homogenen Niveau.Diese systematische Steuerung/Leitung unterscheidet aktive Lern/Lehrmethoden entscheidend von Methodik mit wenig bis keiner Kommunikation (z. B. Apps, Bücher, Lernprogramme) oder einseitiger Verständigung (z. B. Spracherkennungsprogramme).
  2. Gemischte Sprachlevel der Teilnehmenden und/oder große Lerngruppen hemmen einen effektiven Lernprozess. Kombiniert man diese Faktoren, was leider sehr oft geschieht, hat das fatale Folgen für den Lernerfolg.
  3. Um die erwünschten Erfolge zu erreichen, ist etliches an methodischen und didaktischen Lehrkompetenzen notwendig. Es ist daher mehr als wichtig, dass die menschliche Lehrkraft diese unumgänglichen Kompetenzen beherrscht. Lediglich Muttersprachler zu sein beinhaltet weder methodische noch didaktische Lehrkompetenz.
  4. Je intensiver der Lernprozess, desto schneller stellen sich Erfolge ein. Dazu Beispiele:
    Ausgangslevel: GER A2.   Ziellevel: GER B1.
    Beispiel 1:
    Training 90 Minuten/Woche, Unstrukturierte Eigenleistung 30 Minuten/Woche = Dauer ca. 400 – 500 Std. bzw. 4 – 5 Jahre
    Beispiel 2:
    Training 90 Minuten/Woche, Strukturierte, Komplementäre Eigenleistung 60 Minuten/Woche als Blended Learning Training (Flipped Classroom) = Dauer ca. 300 Std. bzw. 2,5 Jahre
    Beispiel 3:
    Training 2 x 90 Minuten/Woche, Strukturierte, Komplementäre Eigenleistung 120 Minuten/Woche als Blended Learning Training (Flipped Classroom) = Dauer ca. 300 Std. bzw. 1,5 Jahre
    Beispiel 4:
    Sprachreise, Training 45 Std/Woche, Komplementäre Eigenleistung 15 Std/Woche, Kommunikation mit Umfeld 20 Std/Woche = Dauer ca. 4 – 5 WochenEin Lernprozess wie in Beispiel 1 wird nicht dieselben Ergebnisse bringen wie ein sehr intensiver Lernprozess wie Beispiel 3. Die effektivste Unterstützung eines jeglichen Lernprozesses ist ein Umfeld in der Zielsprache, wie in Beispiel 4.

Was ist Hokuspokus?

Lernprozesse

  • die in kürzester Zeit zum Ergebnis führen sollen („Lernen Sie Englisch in drei Wochen“)
  • die „Wundermethoden“ feilbieten (Lernen „per Mausklick“, „im Schlaf“, „kinderleicht“, „mühelos“ usw.)
  • die billig („bezahlbar, günstig“), oder sogar kostenlos sind

sind fragwürdig.

Wenn es tatsächlich so leicht wäre, Fremdsprachen mit diesen „Wundermitteln“ zu erlernen, dann hätte doch mittlerweile jeder alle möglichen Sprachen „in drei Wochen“, „kinderleicht“, „kostenlos“, „im Schlaf“ und „mühelos“ gelernt. Oder?

Im nächsten Artikel geht es weiter mit: Die Kosten

Quellen:

http://linguistlist.org/ask-ling/lang-acq.cfm, Pecchi, Jean Stillwell. 1994.
Child Language. London: Routedge, Bongaerts, T. (2005).
Introduction: Ultimate attainment and the critical period hypothesis for second language acquisition. International Review of Applied Linguistics in Language Teaching, pushtolearn.com, Eaton, S. E. (2012).
How will Alberta’s second language students ever achieve proficiency? ACTFL Proficiency Guidelines, the CEFR and the “10,000-hour rule” in relation to the Alberta K-12 language-learning context. Notos, 12(2), 2-12, www.state.gov/m/fsi/sls/c78549

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